Deutschdidaktik Primarstufe

Schreib, KI, schreib!

Dieser Workshop wurde im Rahmen der Tagung ‚Sag es schriftlich – von der Kritzelei zum Text‘ am 8. November 2025 an der PH Bern durchgeführt.

Hier geht es zu den Präsentationsfolien des Workshops.

Im Workshop wird vermittelt, dass KI auf allen Ebenen des Schreibprozesses eingesetzt werden kann, um die entsprechenden Prozessphasen zu begleiten. Aus schreibdidaktischer Perspektive ist wichtig, dass dabei die kognitive Aktivierung seitens der Lernenden steigt und die KI den Kompetenzerwerb im Schreiben fördert und nicht obsolet macht.

Nachfolgend einige Anwendungsbeispiele, die von den Teilnehmenden des Workshops eigenständig ausprobiert werden können. Die Aktivitäten beziehen sich teilweise auf die Anwendung von KI seitens der Lehrperson, teilweise auf die Nutzung von KI-Prompts durch die Lernenden selbst.

Die Anwendungsbeispiele orientieren sich am Schreibprozessmodell nach Hayes & Flower (1980) und haben zum Ziel, auf unterschiedlichen Ebenen des Schreibprozesses anzusetzen.

Anwendungsbeispiele zum eigenständigen Ausprobieren

Wähle aus untenstehenden Anwendungsszenarien mindestens eines aus. Lies die Einführung und widme dich der Übung im blauen Kasten. Erst wenn du selbst ausprobiert hast, solltest du die aufklappbaren Hinweise in den rosafarbenen Textboxen lesen und versuchen, deine Prompts zu verbessern/anzupassen. Mache dir in einem elektronischen Notizbuch/Dokument Notizen zu deinen Erkenntnissen.


1 – Schreibaufgabe profilieren

In der Deutschdidaktik gehen wir heute davon aus, dass Schreibaufgaben dann besonders wirksam am Schreibkompetenzerwerb mitwirken, wenn sie profiliert gestellt werden. Unter einer „Schreibaufgabe mit Profil“ verstehen Bachmann & Becker-Mrotzek (2011) Schreibaufgaben, die a) ein klares Schreibziel formulieren, b) einen bekannten, realen Adressatenkreis ansteuern, c) soziale Interaktionen im Schreibprozess beinhalten, d) komplexe, anspruchsvolle Anforderungen lebensweltnah stellen, e) den Schreibenden erlauben, die Wirkung ihres Textes auf das intendierte Publikum zu überprüfen, f) Unterstützung beinhalten, was die Strategieschritte und Schreibprozeduren angeht und g) Gelegenheit zu Reflexion und Weiterarbeit bieten.

Übung 1
Lade einen Schreibauftrag, den du deiner Klasse im Deutschunterricht neulich gestellt hast (einen eigenen oder einen aus dem Lehrmittel) auf die KI-Plattform deiner Wahl und prompte so, dass dir die KI hilft zu überprüfen, ob dieser Schreibauftrag die Kriterien einer Schreibaufgabe mit Profil nach Bachmann & Becker-Mrotzek erfüllt. Nutze die KI, um die Schreibaufgabe allenfalls perfekt zu profilieren.
Beachte beim Prompten alle Angaben, welche die KI kennen muss, um den Schreibauftrag für deine Klasse möglichst passgenau zu prüfen und zu verbessern. Probiere aus!


2 – Schreibstrategien Finden

Schreibstrategien sind konkrete Handlungsanweisungen oder Bündel von Handlungsanweisungen, die in jeder Phase des Schreibprozesses genutzt werden können, um das kommunikative Problem, das sich mit der Schreibaufgabe stellt, zu lösen. Es gibt unzählige von Schreibstrategien und sie sind so individuell wie die Schreibenden selbst. Trotzdem lassen sich Generalisierungen bilden, d. h. Schreibstrategien, die nachweislich vielen Schreibenden helfen, in den einzelnen Subphasen des Schreibprozesses weiterzukommen.

Übung 2
Du willst mit deinen Lernenden einen Schreibstrategiefächer erstellen. Das ist eine Sammlung von Papierstreifen, auf denen jeweils eine Schreibstrategie steht. Die SuS sollen diese Strategien während des Schuljahres ausprobieren und diejenigen zu einem Fächer zusammenstellen, die für sie funktionieren. Nutze KI, um dir für alle Schreibphasen des Prozessmodells nach Hayes & Flower (1980) oder für eine spezifische Schreibphase möglichst viele Schreibstrategien zusammenzustellen. Probiere aus!


3 – Schreibprozessplanung verbessern

Lehrpersonen vergessen häufig, dass wir in der Schreibdidaktik zwei Planungsphasen unterscheiden: a) die Planung des Schreibprozesses selbst (Wie viel Zeit brauche ich als Schreiber·in für welchen Schritt? Wie gehe ich die Schreibaufgabe an? In welcher Reihenfolge will ich die einzelnen Schreibschritte erledigen? Usw.) und b) die Planung des Schreibproduktes selbst (Ideenfindung, Organisation der Textgestalt, inhaltliche und stilistische Entscheidungen, usw.).

Übung 3
Versetzte dich in die Lage einer Schülerin oder eines Schülers. Versuche KI zu nutzen, um dich dabei zu unterstützen, den Schreibprozess für eine spezifische Schreibaufgabe zu planen. Wie könnten die Lernenden dabei, angeleitet von der Lehrperson, vorgehen, um dabei möglichst viel für die Schreibprozessplanung zu lernen? Probiere aus!


4 – Ideenfindung für eine Actiongeschichte

Nicht allen Lernenden fällt es leicht, Ideen für einen konkreten Schreibauftrag zu generieren. KI kann hier helfen, reflexive Fragen zu stellen, die zu einer Aktivierung der eigenen Phantasie führen.

Übung 4
Versetze dich in die Situation einer Schülerin oder eines Schülers, die/der eine Actionsgeschichte mit einer Superheldin oder einem Superhelden als Protagonistenfigur schreiben soll. Die Figur soll möglichst plastisch entworfen werden und in der Ideenfindungsphase solle eine Art Steckbrief entstehen, die es ermöglicht, im Schreibprodukt auf allen Ebenen ein konkretes Bild von dieser Figur zu haben. Je konreter der oder die Schreiber·in die Figur vor ihrem geistigen Auge visualisieren kann, umso stärker kann diese Vorstellung im Schreiben handlungsleitend werden. Viele bekannte Autor·innen gehen so vor und berichten, dass solche Figuren im Text ein Eigenleben entwickeln und die Geschichte in Bahnen lenken, die überraschend sind und von dem/der Autor·in häufig am Anfang noch gar nicht vorgesehen waren. Wie müsste ein Prompt aussehen, der den Lernenden hilft, KI für diese Figurenkonzeption zu nutzen? Probiere aus!


5 – Publikumserwartungen antizipieren

Es ist eine sehr hohe Anforderung für Schreibarrangements im Zyklus 1 bis 3, adressat·innengerecht zu kommunizieren. Kindern fällt es in dieser Entwicklungsphase der Schreibkompetenzentwicklung verständlicherweise schwer, sich in die Lage des intendierten Publikums hineinzuversetzen und zu verstehen a) was an Verständnis und Vorwissen vorausgesetzt werden kann und b) welche Erwartungen ein Publikum entsprechend einer gewissen Textsorte hat.

Übung 5
Versetze dich in die Lage einer Schülerin oder eines Schülers deiner Klasse und denke an den Schreibauftrag, den du zuletzt im Deutschunterricht gestellt hast. Wer war das Zielpublikum des entstehenden Textes? Wie könnten deine Lernenden KI nutzen, um die Erwartungen dieses Zielpublikums besser antizipieren zu können? Probiere aus, die KI in einem Chat dazu zu bringen, dir als Autor·in dieses Textes zu helfen, deinen Text entweder adressat·innengerecht zu planen oder zu überprüfen, ob schon formulierter Text die Publikumserwartungen erfüllen wird.


6 – Vorwissen aktivieren

Die Bewältigung von Schreibaufgaben steht und fällt mit der Fähigkeit der Schreibenden, auf ihr Langzeitgedächtnis zuzugreifen und relevante Schreibprozeduren und Weltwissen abzurufen. Dazu gehören gespeicherte Schreibprozeduren, die aufgrund von Vorerfahrungen mit identischen oder ähnlichen Textsorten aufgebaut wurden; Textsortenkenntnisse, die rezeptiv erworben wurden; Schreibstrategien, die von der Lehrperson, Peers und in eigenen Schreibaktivitäten modelliert, beobachtet und ausprobiert wurden; Wissensbestände, die je nach Textsorte herangezogen und inhaltlich adäquat verschriftlicht werden sollen; Erfahrungen, was die zeitliche und organisatorische Gestaltung des Schreibprozesses generell und des Schreibprozesses der vorgesehenen Textsorte angeht, und vieles andere mehr.

Für Lehrpersonen ist es zeitaufwändig und schwierig, jedem Kind individuell zu helfen, auf diese Wissensbestände zuzugreifen.

Übung 6
Generiere einen Prompt, der in Bezug auf einen kürzlich von dir im Unterricht gestellten Schreibauftrag (es kann sich auch um einen Auftrag in nicht-sprachlichen Fächern, wie z. B. NMG handeln) dazu führt, dass die KI den Schülerinnen und Schülern Fragen stellt, die Vorwissen in Bezug auf die Textsorte, den Schreibkontext, die Schreibaktivität und Schreibstrategien abruft. Das Ziel ist, dass die SuS mit der KI sprechen oder schreiben und die Fragen beantworten, um sich damit auf den Schreibprozess einzustimmen. Probiere aus!


7 – Schreibblockaden überwinden

Einblicke in den Schreibunterricht zeigen, dass nicht wenige Schülerinnen und Schüler Angst vor dem leeren Blatt haben oder während des Schreibprozesses in Sackgassen geraten, aus denen sie nur schwierig wieder herausfinden. Karteikarten und Strategiekarten aus den Lehrmitteln sind zwangsläufig unspezifisch ausgerichtet, sie können nur allgemein auf das Problem eingehen und keine Lernenden individuell anleiten.

Übung 7
Versetzte die ich in die Lage eines schreibenden Kindes deiner Klasse, das entweder zu Beginn des Schreibauftrages vor dem leeren Blatt sitzt und nicht mit dem Schreiben beginnen kann oder das mitten im Text feststeckt und nicht weiter weiss.
Nutze die KI für eines der beiden Szenarien und versuche dabei so zu prompten, dass eine individualisierte Coaching-Situation entsteht, die dem Kind die Denkaufgabe nicht abnimmt aber ihm hilft, in den Schreibprozess einzusteigen oder ihn fortzuführen.


8 – Formulierungs- und Stilfragen

Alle Lernenden im Zyklus 1 bis 3 haben bei wachsenden Anforderungen der Schreibarrangements Probleme mit der Wortschatzbreite (Varianz des verwendeten Wortschatzes), häufig auch mit der Wortschatztiefe (wie gut und wie stabil wird die Verwendung eines mehr oder weniger bekannten Wortes verstanden und umgesetzt). Dazu kommen Redundanzen, mangelnde Textkohärenz (Kinder übersehen, was den Lesenden zum Verständnis fehlt und überspringen Inhalte oder verknüpfen Textpassagen unlogisch oder ungenügend) und andere Formulierungsprobleme.

Übung 8
Nimm einen Schüler·innentext zur Hand, den Lernende in deinem Unterricht verschriftlicht haben. Nutze eine gesicherte, schüler·innengerechte und datenschutzkonforme KI-Plattform, um zu schauen welche Formen von formativem Feedback (was kann ich am Text verbessern?) und Feedforward (wie muss ich am Text weiterarbeiten?) die KI in Bezug auf die präsentierte Textsorte liefert. Was ist daran anders als du es als erfahrene Lehrperson machen würdest? Könntest du dir vorstellen die KI-Lösung für formative Rückmeldungen im Schreibprozess einzusetzen und allenfalls eigene Beurteilungskategorien zu erstellen?

FelloFish KI
Fobizz-KI

Wenn du keinen SuS-Text zur Hand hast, kannst du folgenden eines Schülers aus der Schulstufe 7H (5. Primarschulklasse) verwenden:

(Schreibe eine Geschichte, in der ein normaler Mensch plötzlich mit Superkräften ausgestattet wird. Beachte die Textsortenmerkmale einer Erzählung: Figureneinführung, Schauplatz, Anfang-Mittelteil-Schluss, Spannungsbogen. Die Geschichte liest du dann deiner Klasse vor.)

Das brenende Haus
Broklin 1989 ein mann namens Henri. war bei der vreiwiligen Feuerwehr. Er war muskulös, und eines tages wurde er von einem Wissenschaftler eingeladen. Es war Dinstag als er da war wurde ihm Beruigungs mittel gespritzt. Es wurden Experimente an ihm Durchgefürt als er aufwachte war ihm nicht wohl er muste erbrechen. Auf einmahl kam der verükte hinein „Hallo halten sie ihren arm nach vorne und drüken sie auf eine ader!“ „Ok?“ und er tat es auf einmal kam wasser hinaus „Wow!?“ „interesant kommen sie mal zu mir!“ „du kanst mir auch du sagen“ der verükte antwortete ihm nicht. 2 stunden speter ging Er wieder nach hause als ein alarm losging ein haus brent. „Aber was sollich tuhen!?“ Er ging und bemerkte das er wasser spritzen kann. Er beilte sich. Und par stunden speter war das feuer gelöscht. Alle jubelten und feierten. Ein par monate speter wurde er der bekanteste Feuerwehr mann ganz Amerika. Seine Letzten worte darauf waren „danke Amerikas verükte“ 2010 starb er an einem Brand.


9 – Wortschatz und Textbausteine für DaZ-Lernende

Kinder mit einer anderen Erstsprache als Deutsch stehen im Schreibunterricht der Schulsprache vor erheblichen Problemen. In der neueren Didaktik wird die sprachliche Heterogenität im Klassenzimmer nicht länger nur problematisiert, sondern vor allem als Ressource verstanden. DaZ-Lernende können (meistens) schon eine Sprache, die sie mehr oder weniger gut beherrschen und in der sie z. T. auch zusätzlichen systematischen Unterricht erhalten (HSU). Diese sprachlichen Kompetenzen stehen dem Erwerb der Schulsprache nicht im Wege, sondern können genutzt werden. Das Problem von Regelklassenlehrpersonen ist, dass sie häufig nicht über eine gezielte DaZ-Ausbildung verfügen und auch in den Erstsprachen der Kinder keine Kenntnisse haben. So ist es schwierig, ressourcenorientiert auf die sprachlichen Fähigkeiten der DaZ-Lernenden zu blicken.

Übung 9
Denke an ein Kind deiner Klasse, das eine andere Erstsprache als Deutsch spricht und dessen Erstsprache du nicht beherrschst (z. B. Arabisch oder brasilianisches Portugiesisch). Denke an einen Schreibauftrag, den du neulich im Unterricht erteilt hast. Nutze KI, um eine Brücke zur Erstsprache dieser Kinder zu schlagen und ihnen Redemittel, Wortschatz und / oder Textbausteine/Chunks zur Verfügung zu stellen. Die KI soll dabei versuchen, diese Redemittel so zu wählen, dass sie wo immer möglich eine Verbindung zur Erstsprache sichtbar machen (Parallelwörter, ähnliche metaphorische Verwendungen, kulturelle Brücken etc.). Probiere aus, ob Hilfreiches dabei herauskommt. Wir gehen davon aus, dass das Kind in seiner Erstsprache über Kentnisse verfügt, die bereits über einen minimalen Grundwortschatz hinausgehen.


10 – Schreibpartitur

In den Zyklen 1–3 werden Textsortenkenntnisse viel enger vermittelt, als sie uns im realen Leben begegnen. Wir sprechen in diesem Zusammenhang in der Didaktik von transitorischen Normen. Das sind Normen, die wir vorübergehend setzen und ziemlich strikt einfordern, wenn ein Kind sie dann aber beherrscht, dann darf es sich auch schrittweise von ihnen lösen. Ähnlich wie beim Sportunterricht: Kinder lernen mit dem ‚Pflug‘ oder ‚Pizzastück‘ Skifahren, sobald sie auf diese Weise Sicherheit erlangt haben, dürfen sie freestylend die Piste runterfahren. Im Schreibunterricht vermitteln wir den Kinder bei der Textsorte der Erzählung zum Beispiel den Spannungsbogen relativ simpel: Spannungsaufbau, Spannungshöhepunkt (Konflikt), Spannungsabbau (Konfliktbewältigung). In der Literatur und im Film sind Spannungskonzepte viel Variantenreicher. Kinder können mittels Schreibpartituren dazu angestossen werden, vielfältigere Handlungsentwicklungen in ihren Schreibproudukten umzusetzen. KI kann hier helfen.

Übung 10
Versetze dich in die Lage deiner Schülerinnen und Schüler im Schreibunterricht. Erinnere dich an eine Schreibsequenz in der es um eine erzählende Textsorte ging (Märchen, Abenteuergeschichte, Krimi, Fabel usw.). Entscheide dich für eine narrative Textsorte und nutze die KI dazu, dir für dieses Schreibarrangement eine Erzählpartitur zu erstellen. Probiere aus und frage dich, wie der Prompt verbessert werden muss, damit eine Partitur entsteht, die von den Lernenden deiner Klassenstufe als Orientierung im Schreibprozess genutzt werden kann.


Quellenverzeichnis

  • Bachmann, T. & Becker-Mrotzek, M. (2011). Schreibaufgaben situieren und profilieren. In Berning, J. (2011). Textwissen und Schreibbewusstsein: Beiträge aus Forschung und Praxis (201–219). LIT Verlag.
  • Fix, M. (2008). Texte schreiben. Schreibprozesse im Deutschunterricht. Krafft & Osen.
  • Hayes, J. & L. Flower (1980). Identifying the Organization of Writing Processes.
    In L. Gregg & E. Steinberg (Eds.), Cognitive processes in writing (3-30). Erlbaum. S. 3–30.
  • Kühn, P. (2000). Kaleidoskop der Wortschatzdidaktik und -methodik. Germanistische Linguistik 155-156, 5–28.
  • Philipp, M. (2019). Grundlagen der effektiven Schreibdidaktik und der systematischen schulischen Schreibförderung (7., erweiterte Auflage). Schneider Verlag Hohengehren GmbH.
  • Sturm, A. (2023). Schreiben wirksam fördern. Lernarrangements und Unterrichtsentwicklung für alle Stufen. hep.