Deutschdidaktik Primarstufe

Der Zeit nachspüren. Johanna Schaibles ‚Es war einmal und wird noch lange sein‘

In meinem Videocast für die KIBUM – Oldenburger Kinder- und Jugendbuchmesse 2022 geht es um literaturwissenschaftliche Perspektiven auf das Gewinner-Bilderbuch des Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreises 2022: ‚Es war einmal und wird noch lange sein‘ von Johanna Schaible, erschienen im Verlag Carl Hanser. Die englische Übersetzung wurde bereits vor der Veröffentlichung mit dem Preis dPICTUS Unpublished Picturebook Showcase 2019 ausgezeichnet.

Videocast zu Johanna Schaibles ‚Es war einmal und wird noch lange sein‘

Einleitung

Johanna Schaibles Bilderbuch widmet sich einem Mysterium menschlicher Bewusstseinsfähigkeit: Unserem Empfinden von Zeit, wie wir sie erfahren und konzeptualisieren. Ihr Werk ist weder Physik-Sachbilderbuch, noch handliche Paläontologie für Kinder, noch Science-Fiction. Es ist ein an Philosophisches grenzendes Kreisen um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es geht darum, diese abstrakten Konzepte für Kinder (und Erwachsene) ins Bild zu rücken und zur Sprache zu bringen.

Johanna Schaible, 1984 in der Schweiz geboren, studierte Design & Kunst an der Hochschule in Luzern. Seit ihrem Abschluss mit dem Bachelor of Arts 2013 arbeitete sie als Künstlerin und Illustratorin in Bern. Ihre Werke, die sich an der Schnittstelle von Illustration, Kunst und Design bewegen, wurden auf der ganzen Welt ausgestellt. Sie ist außerdem künstlerische Leiterin von Kidswest, einem offenen Kunstatelier, das Kinder und Jugendliche in die Welt der Kunst und Kultur einführt und ihr künstlerisches Experimentieren fördert.

Autorinnenbeschreibung auf dem hinteren fliegenden Vorsatzpapier, Schaible 2021

1. Spiel mit der Materialität der Seite

Wer Schaibles Bilderbuch langsam von vorne zu lesen beginnt, bemerkt schon nach zweimaligem Umblättern, dass dieses Buch einen eigenartigen Zuschnitt hat. Die Seiten werden zur Buchmitte hin an allen von der Bindung unberührten Aussenrändern mit jedem page turn ca. einen halben Zentimeter kleiner. Das Schriftband, unten links auf jeder Doppelseite, wird entsprechend kleiner, die Sätze kürzer.

Ab- und zunehmende Seitenformate, Schaible 2021

Dieses Spiel mit der Materialität der Seite findet in der Buchmitte seinen Höhepunkt. Im „Jetzt!“ wird die Unendlichkeit der Zeit an einem für alle Ewigkeit einmaligen Ereignis wahrnehmbar: Eine Sternschnuppe schiesst durch den Nachthimmel – ein Augenblick nur, dann ist sie nicht mehr sichtbar. Leser·innen werden sich bewusst, die Seiten sind Fenster in die Zeit. Johanna Schaible arbeitet mit den Seitengrössen, um dieses philosophisch und physikalisch so schwer verständliche Konzept ‚Zeit‘ begreifbar zu machen.

Die Vergangenheit ist für uns ebenso unüberschaubar wie es die Zukunft ist. Je weiter die kosmischen und welthistorischen Ereignisse zurückliegen, die Schaible in parataktischem Stil zur Sprache bringt, umso grossformatiger waren die Bilddoppelseiten. Was vor einer Minute geschah, unterscheidet sich minimal vom Jetzt. So ist die Jetzt-Seite in der Buchmitte bedeutend kleiner als diejenige, die den Zeitraum ‚vor einem Jahr‘ fasste.

Dann kehrt sich das Spiel um. Wer den Jetzt-Moment verlässt, fasst wieder grössere Seiten. Das Seitenformat wächst an, je ferner in die Zukunft geblättert wird. Am Anfang und am Ende dieser endlichen Reise durch die Zeit stehen die beiden Vorsatzblätter. Sie zeigen die Dunkelheit des Universums, in ihm funkeln hunderte von winzigen Sternen. Unzählbar, unüberschaubar, ein Mysterium soweit das Sichtfeld eines Menschen reicht.

Schaibles Spiel mit der Materialität der Seite erhebt nicht den Anspruch einer physikalischen Modellbildung. Die Zeitsprünge von Seite zu Seite wachsen weder arithmetisch-linear, noch folgen sie einer algorithmischen Anordnung. Trotzdem werden die Seitenformate bei unterschiedlichen Zeitspannen, die sie überbrücken, immer um dieselbe Differenz kleiner und dann wieder grösser. Die Bildseiten werden vor Kinderaugen und in Kinderhänden folglich zur Metapher für das, was schon die Kleinen verstehen können: Das Verstreichen der Zeit, die für uns immer nur im Augenblick erfahrbar wird und uns doch auch in diesem bereits wieder entgleitet.

2. Die Zeit zur Sprache bringen

Schaibles Erzählung tritt mit einem kühnen Anspruch an. Fokussiert man allein auf den Text, so erzählt dieser in maximal zwei Minuten Jahrmilliarden kosmische Geschichte. Eklatanter könnte das Verhältnis von Erzählzeit (die Zeitspanne, die Leser·innen aufwenden müssen, um die Erzählung zu lesen) zu erzählter Zeit (die auserzählte Zeitspanne, die von der Narration abgedeckt wird) nicht auseinanderklaffen (zu den literaturwissenschaftlichen Unterscheidungen vgl. Ricœur 1985). Das kann ebenso sehr als philosophisches Statement gelesen werden wie es natürlich auch produktions- und rezeptionsästhetische, also pragmatische Gründe sind, die Schaible keine andere Wahl lassen. Jedenfalls wird hier schon ein Spannungsfeld eröffnet, das dem Menschen in Hinblick auf das Zeiterleben und -empfinden bekannt ist. Wir können Zeit nur ambivalent empfinden: Wir nehmen sie subjektiv stets anders wahr, als Messinstrumente sie registrieren. Eine Minute kann uns vorkommen wie eine Ewigkeit, Jahre können wie im Nu verfliegen. An einem Ereignis, das in unserem Leben nur wenige Minuten in Anspruch genommen hat, können wir ein Leben lang kauen, darüber sprechen und nachdenken, die meisten Stunden unseres Lebens aber verschwinden im dunklen Nebel des Vergessens, weil wir ihnen keine besondere Bedeutung zuschreiben.

Die Semiotik der Textband-Platzierung folgt dem uns vertrauten Konzept des Zeit- und Zahlenstrahls: Die Textbänder im Vergangenheitsteil stehen auf den linken Bildseiten, die Textbänder, die den Zukunftsteil des Buches schmücken stehen jeweils rechts. In der uns vertrauten Leserichtung, in der wir Text lesen, Zahlen sortieren und Bücher durchblättern, konzeptualisieren Rezipierende aus unseren Breitengraden vor ihrem inneren Auge häufig auch Zeitliches.

Die Sätze der ersten Buchhälfte behandeln allesamt die Rückblende in die Vergangenheit. „Vor Milliarden vor Jahren…“, „vor Millionen von Jahren…“, […] „vor Tausenden“ […] „vor hundert Jahren“, usw. Diese für Kinder (und Erwachsene) noch sehr abstrakten Zeiträume werden zunehmend vertrauter. Sie widmen sich den Zeitspannen, die ein menschliches Leben fassen und idealerweise füllen kann. „Vor einem Monat…“, „vor einer Woche…“, […] „vor einer Minute“ – „Jetzt!“

Diese Vergangenheitsräume fasst Schaible mit kürzer werdenden Hauptsätzen im sachlich-deskriptiven Stil. Die Sätze stehen im Präteritum. Erst die Ereignisse, die innerhalb der letzten Stunde geschahen und die Bedingungen dafür bilden, dass die Sternschnuppe im Jetzt-Moment wahrgenommen werden kann, stehen im Perfekt (auch ‚die vergangene Gegenwart‘ genannt). Schaible nutzt damit die Differenzierung deutscher Vergangenheitstempora, und verdeutlicht, wie der Mensch mittels des Symbolsystems seiner Sprache Möglichkeiten schafft, sein Empfinden des Zeitflusses zum Ausdruck zu bringen.

Beschrieben wird, was wir über die Vergangenheit unseres Planeten wissen und was uns von der kulturellen Tätigkeit des Menschen in der Vergangenheit überliefert ist. Schliesslich widmen sich die Worte den jahreszeitlichen Zyklen, den meteorologischen Rhythmen, den zirkadianen Bewegungen der Himmelskörper, dem also, was ein Kind unabhängig seiner Sozialisation fast überall auf der Welt erleben und beobachten kann.

In der Buchmitte, im Gegenwartsmoment, eröffnet Schaible mit dem einzigen Imperativ im Text einen Möglichkeitsraum: „Jetzt! Wünsch dir was!“ Die jungen Rezipient·innen werden zum ersten Mal direkt angesprochen. Im Zentrum des Buches stehen weder unsere unbedachten menschlichen Tageshandlungen, noch eine sinnvolle, zweckbestimmte grosse Leistung, die in die Geschichte eingehen soll; der Höhepunkt der Erzählung fasst die Aufforderung, zu träumen, zu wünschen und vielleicht auch mit dem zu rechnen, was die Zeit noch möglich machen könnte.

„Jetzt! Wünsch dir was!‟, Doppelseite in der Buchmitte, Schaible 2021

Nach diesem Moment, kann die Erzählstimme nicht mehr in Propositionen sprechen. Während es dem Menschen durch Beobachtung, durch Erinnerung und durch Deutung der Zeichen beschränkt möglich ist, Vergangenheit zu beschreiben, so liegt alles Zukünftige trotz aller anzunehmenden Wahrscheinlichkeiten im Dunklen. Schaibles Erzählinstanz kann nun, da die Buchseiten wieder an Format zunehmen, nur noch Fragen stellen. Diese Fragen sind zunächst banal, solange sie die unmittelbare Zukunft betreffen: „Was machst du morgen Abend?“, „Was bringt das Wochenende?“

„Wo wirst du am Nachmittag sein?‟, Schaible 2021

Wie die Buchseiten aber anwachsen, so werden auch die Fragen grösser und philosophischer: „Was wirst du entdecken, wenn du groß bist?“, „Was wird dich für immer beeindrucken?“, […]„Woran wirst du dich erinnern, wenn du alt bist?“ und – die letzte und entscheidende Frage: „Was wünschst du dir für die Zukunft?“

Mit dieser abschliessenden Frage bindet Schaible ihre ‚Erzählung von Zeit‘ zurück an die Buchmitte. Damit wird deutlich: Im gegenwärtigen Moment entscheidet sich, was viele Jahre später zur Geschichte geronnene Wirklichkeit wird. Für mein individuelles Leben, aber auch für die Menschheit als gesamtes und für unsere einzigartige Welt in den Tiefen des Kosmos.

„Jetzt! Wünsch dir was!“ und „Was wünschst du dir für die Zukunft?“ sind zwei korrespondierenden Fragen. Sie bringen auf den Punkt, was uns Menschen, als in die Welt und in die Zeit Geworfenen so schwerfällt: Uns bewusst zu werden, wie einmalig unser Dasein ist; uns bewusst zu werden, dass wir im Fluss der Kontingenzen auch Handlungsspielraum haben, der Spuren hinterlassen wird; uns bewusst zu werden, dass wir Wünsche haben, die wir heute ernst nehmen müssen, bevor wir unser persönliches Buch der Zeit fast nur noch rückwärts lesen können.

3. Die Zeit erinnern oder: die Referentialität der Bilder

Auch mit ihrem Bildprogramm unterstreicht Schaible diese subtile Botschaft. Die Bildflächen bestehen aus lasierten Hintergründen, vor denen Schaible ausgeschnittene, scharfkantige, bemalte Flächen collagierend komponiert. Es entstehen (meist) pastellfarbene Landschaften und Szenerien mit Tiefenwirkung. Die Autorillustratorin kann mit Pinsel und deckender Farbe Objekte, Menschen und Tiere in die Kulissen setzen. Jedes Bild wirkt, als wäre für eine Millisekunde eines Augenblicks ein dynamisches Geschehen eingefroren. Versucht man, die eigene Wahrnehmung auf diesen verschwindend kurzen Stillstand einzustellen, beginnt die eigene Kognition schon die Bewegungen der Bildkomposition fortzuführen, die Leerstellen der visuell erzählten Kürzestgeschichten auf jeder Doppelseite zu füllen. Es entsteht der irritierende Eindruck, die Zeit nicht festhalten zu können. Auf jeder Doppelseite gibt es mindestens ein Element in Bewegung, sei es die glühende Gischt der urzeitlichen Lava; die sich vorwärts bewegenden Nomaden in der Wüste; eine Kinderzimmertür, die sich langsam schliesst und einen Spalt breit offenbleibt; ein Mobile, das sich langsam dreht, während sich das Kinderzimmer durch den Sonneneinfall aufwärmt.

Schaible arbeitet subtilere und offensichtlichere Referenzen zwischen den zunächst isoliert wirkenden Bildseiten ein. Die mal feinen und mal wuseligen Bewegungsmuster sind eine davon. Sie ziehen sich durch die Bildwelt, ohne sich aufzudrängen. Die gespiegelte Anordnung von Objekten gleicher Klasse an numerisch korrespondierender Position im Erzählverlauf der Vergangenheit oder Zukunft sind schon subtiler miteinander verbunden: So bewegt sich auf der fünften Doppelseite ein Schiff langsam und schwerfällig von links in den Bildraum; auf der fünftletzten Doppelseite verlässt ein Flugzeug kraftvoll und geradlinig die rechte Doppelseite. Vögel, die vor einem Jahr im Herbst nach Süden zogen, entdecken wir tanzend über den blühenden Kirschbäumen, wenn die Erzählstimme ein Jahr in den Frühling der Zukunft blickt. Wer einen Blick auf den vergangenen Monat wirft, findet sich in einer Stadt-Allee mit Bäumen, deren Blätter gelb im Herbstlicht lodern – der Blick einen Monat in die Zukunft zeigt kahle Kastanienbäume im winterlichen Stadtpark.

„Vor einem Monat war noch Herbst.‟, Schaible 2021

Es gibt aber auch offenkundigere Rekurrenzen im Bildprogramm: „Vor Tausenden von Jahren bauten die Menschen grosse Dinge.“, heisst es auf der vierten Bilddoppelseite. Abgebildet sind die Pyramiden von Gizeh, die sich gerade im Bau befinden. Steinblöcke und angedeutete Menschenmassen wirken winzig und verloren vor dem stahlblauen Himmel, der gelben Wüste und den schon errichteten monumentalen Bauwerken. Im Vordergrund wächst die mächtigste Pyramide, sie ist zu zwei Dritteln fertiggestellt. Auf der viertletzten Doppelseite sehen wir dieselbe Szenerie von der gegenüberliegenden Seite blickend. Drei Pyramiden unterschiedlicher Höhe stehen vor demselben Himmel, Reisecars führen bunte Touristenscharen in die Wüste. Der Zahn der Zeit hat deutlich an den Monumenten genagt: das grösste der Bauwerke hat bis auf die Spitze schon die äusserste Steinhaut verloren. Die Konturen der Pyramiden verlaufen wellenförmig, erodiert sind die geraden Linien von einst. „Was wird dich für immer beeindrucken?“ fragt die Erzählstimme die Leser·innen.

„Was wird dich für immer beeindrucken?‟, Schaible 2021

Das kulturelle Wirken des Menschen in der Zeit hinterlässt Spuren. Diese ebnen nachfolgenden Generationen den Weg zur Entwicklung eines historischen Bewusstseins. Der für uns Menschen so schwer zu fassende Fluss der Zeit wird – wenn schon nicht ganz verstehbar – so doch erfahrbar und prägt sich ein. Wir verstehen uns als Eingereihte in eine lange Kette von Generationen – das relativiert die egozentrische Perspektive, aus der wir die Welt gewöhnlich erleben. Was ist, wird vergehen, sich wandeln, es bleibt nicht gleich – das tröstet und schmerzt zugleich.

4. Philosophieren über den Fluss der Zeit

Paul Ricœur hatte die grosse philosophische Frage neu aufgeworfen, ob Zeit ein vom Menschen selbst hervorgebrachtes Artefakt sei (dann hätte sie keine Bedeutung ausserhalb unserer selbst) oder ob wir Zeit als etwas ausserhalb von uns Existierendes verstehen müssen (dann wüssten wir nicht, ob unsere Messungen und Vorstellungen auch akkurat sind).

Ricœur sagt: fiktionales Erzählen löst die beiden Fragen nicht, aber es bringt sie in eine dynamische Beziehung. Der Mensch verfügt über eine narrative Identität: Wir erleben uns selbst stets als das, was wir uns selbst über uns erzählen. In diese Narration fliesst ein, wie wir über die Vergangenheit denken, wie wir das Heute rahmen und wie wir uns die Zukunft vorstellen. Wir gehen also hochgradig hermeneutisch um mit dem, was uns geschah, was heute ist und projizieren mehr oder weniger abhängig davon auf die Zukunft. Unser Denken über uns selbst und unser Leben vollzieht sich in einem mehr oder weniger bewussten und mehr oder weniger kohärenten Ineinandergreifen von Erzählmustern.

Bereits Kinder, die zu Schaibles intendierten Publikum gehören, verfügen über Alltagsvorstellungen einer grundlegenden Struktur diachroner Erzählzusammenhänge, die im „Schema Anfang-Mitte-Ende eingesetzt“ werden (Teichert 2014, S. 327): Der Vater schliesst die Tür und wünscht gute Nacht: eine zeitlich geordnete Mini-Erzählung des Alltags. Ein schon in der Kinderkognition verinnerlichtes Verständnis vom chronologischen Ablauf zielgerichteter Handlungen, das narrative Strukturen sowohl bedingt als auch verstehbar macht.

Schaibles Erzählen folgt auf allen Ebenen diesen chronologischen Strukturen und stellt sie aus. Die Welt ihres Textes ist wie bei jedem literarischen Werk „mit den Präfigurationen der Alltagswelt verbunden. Sie geht aber nicht in ihr auf“ (Teichert 2014, S. 327). Schaible wählt aus, trifft Entscheidungen, inszeniert und gestaltet künstlerisch. Z. B. indem sie das Bilderbuch den Rezipient·innen von allen Unbilden der Zeit gereinigt gegenübertreten lässt. Die Kriege und Gräueltaten der Menschheitsgeschichte, die Natur- und Umweltkatastrophen der Vergangenheit und Zukunft kommen im Bildprogramm nicht vor und haben auch keinen Raum im Text, der erst sachlich berichtet und dann philosophisch fragt. Die Zeitsprünge folgen mal einem sachlogischen Muster und unterwandern dieses auch wieder (etwa wenn die nähere Vergangenheit und die unmittelbare Zukunft in unterschiedlichen Abstufungen der erzählten Zeit voranschreiten). Schaible macht ihr Werk damit als Konfiguration, als willkürliche Zusammenstellung greifbar, die selber reflektierbar wird: Wie ich die Zeit und mein zeitliches Leben erzähle, bleibt mir überlassen. Ich bin der artifex meiner eigenen Lebensnarration, das ist Anspruch und Zuspruch zugleich. Um Ricœurs Unterscheidung von Präfiguration, Konfiguration und Refiguration zu folgen, lässt sich sagen, dass uns als Rezipierenden die Aufgabe obliegt, Schaibles Kunstwerk nicht als Abbild der Zeit, wie sie objektiv zu fassen wäre, zu verstehen, sondern es als Angebot zur Reflexion wahrzunehmen. „Die Welt des Textes ist kein Abbild der Alltagswelt, sie ist eine mögliche Welt, in der Ereignisse und Formen der Erfahrung zur Sprache kommen, die [von Leser·innen] auf [ihre] Lebenswelt bezogen werden können. Der Text kann in die Lebenswelt [der Rezipient·innen] einwirken, etwa in Form der Veränderung von Einstellungen, normativen Unterscheidungen oder umfassenden Orientierungen. Dieses Moment ist von entscheidender Bedeutung für die narrative Identität“ (Teichert 2014, S. 327f.). Die Fiktion hat eine Wirkung „die man in eins aufzeigend und verwandelnd hinsichtlich der Alltagspraxis nennen kann; aufzeigend in dem Sinne, daß sie Züge ans Licht bringt, die zwar verborgen, aber gleichwohl in unserer praktischen Erfahrung bereits angelegt sind; verwandelnd in dem Sinne, daß ein so durchleuchtetes Leben ein verändertes, ein anderes Leben ist“ (Ricœur 1991, S. 254).

So ist denn auch Schaibles Werk an Wirkung interessiert. Es löst Staunen aus, es macht dankbar, lädt zum Wünschen und Träumen ein, macht wehmütig, rüttelt wach. Das ist deshalb so bezeichnend, weil das Bilderbuch den Rezipient·innen bar jedes moralisierenden Untertons begegnet. Anstatt zu belehren, wird berichtet und gefragt. Anstatt mit grellen Bildern aufzuwarten, laden pastellfarbene Farbwelten ein, genau hinzusehen ohne abgelenkt zu werden. Jeder Moment ist unendlich kostbar und wird nie wieder zurückkommen, auch nicht der Moment meines ersten Umblätterns der nächsten Seite. Die Zukunft hält viele Möglichkeiten offen, wo und wie werden die Weichen gestellt, dass sich das Wünschenswerte verwirklicht? Dies alles sind sehr erwachsene Fragen. Die jungen Leser·innen werden fasziniert sein von dieser so plastischen Berührung mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie werden wahrscheinlich nicht bemerken, dass das Buch bei manchen Grossen, die diese literarische Reise durch die Zeit vielleicht begleiten, das auslöst, was der Religionsphänomenologe Rudolf Otto einmal in anderen Zusammenhängen als Kreaturgefühl des Menschen gegenüber dem „mysterium tremendum“ bezeichnete (Otto 1917, S. 13): ein ehrfurchtergreifendes Schaudern vor einem numinosen Geheimnis und doch auch ein dankbares Gefühl des Getragenwerdens und des Teilseins von etwas unendlich viel Grösserem.

Eine Melange aus Staunen, Dankbarkeit, Hoffnung, Reue über Versäumtes und auch ein wenig Furcht ergreift einen, wenn man mit eigenen Händen eine Doppelseite umblättert und sich bewusst wird, dass nicht nur die erzählte Zeit voranschreitet, sondern auch die des eigenen Daseins. Es ist dieses Ineinander von Emotionen und Reflexionen, das den Menschen seit jeher beschleicht, wenn er Zeit und Ewigkeit bedenkt. Eine Konstante, an die der der Zahn der Zeit nicht herankommt, solange es uns Menschen gibt.

„Vor Milliarden von Jahren formte sich das Land.‟, Schaible 2021

Quellenverzeichnis

Alle Abbildungen aus dem Bilderbuch ,Es war einmal und wird noch lange sein‘ von Johanna Schaible verwende ich mit freundlicher Genehmigung des Verlags Carl Hanser, München.

Johanna Schaible, Es war einmal und wird noch lange sein
© 2021 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München


  • Otto, R. (2012) [1917]. Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen. München.
  • Ricœur, P. (1988) [1983]. Zeit und Erzählung. Band I: Zeit und historische Erzählung. Fink.
  • Ricœur, P. (1991) [1985], Zeit und Erzählung. Band III: Die erzählte Zeit. Fink.
  • Teichert, D. (2014). Narrative Identitäten Zur Konzeption einer textuellen Konstitution des Selbst. In C. Demmerling & I. Vendrell Ferran (Hrsg.), Wahrheit, Wissen und Erkenntnis in der Literatur (Deutsche Zeitschrift für Philosophie / Sonderbände, Bd. 35, S. 315–334). De Gruyter.

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