Diese Weiterbildung wurde am 13. Juli 2026 an der Uniersität Freiburg am Zentrum für Lehrpersonenbildung für die Primarschule ZELP gehalten.
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Kein Kind bleibt zurück
Das Planungsparadox
Jede Lehrperson in der Schweizer Volksschule kennt dieses Planungsdilemma: Man steckt Stunden in die Planung einer Lektion, gestaltet differenzierte Arbeitsblätter und versucht, jedem Kind gerecht zu werden. Doch im Unterricht offenbart sich die Variabilität von Lernständen, Bedürfnissen und personalen Voraussetzungen: Die ersten Kinder lösen die Aufgabe in einer Rekordzeit und wollen mehr, während andere bereits an der Aufgabestellung scheitern. Beide Gruppen sind frustriert. Der Versuch, nach dem Prinzip „One size fits all“ eine Lektion für eine hochgradig heterogene Klasse zu gestalten, ist ungefähr so erfolgsversprechend wie die Herstellung von Wanderschuhen für alle Schweizer Schulkinder in einer Größe.
Das Universal Design for Learning (UDL) tut hier einen radikalen Perspektivwechsel kund. Es ist kein zusätzliches Förderprogramm, das Ressourcen verschlingt oder Expert·innen ins Klassenzimmer ruft. Es ist vielmehr ein didaktisches Rahmenwerk, das uns zeigt, wie wir Barrieren im Unterricht, schon auf Ebene der Planung und Unterrichtsvorbereitung, proaktiv abbauen können. Dabei geht es nicht darum, für jedes Kind einen individuellen Lehrplan zu schreiben, sondern die Lernumgebung von Anfang an so zu gestalten, dass sie mit der Vielfalt der Lernenden klarkommt.
Der Mythos eines Durchschnitts
In der traditionellen Schule existierte bald schon das Phantasiebild des/der fiktiven „Durchschnittsschüler·in“, für welche Lehrbücher und Tests geschrieben wurden. Das Bild wird jedoch von der modernen Neurowissenschaft als biologisches Missverständnis enttarnt. Die Variabilität unter den Lernenden ist die Regel und nicht die Ausnahme. Es gibt keine zwei identische Gehirne, und deshalb gibt es auch keinen standardisierten Lernweg für alle.
Wenn wir für einen hypothetischen Mittelwert unter den Schülerinnen und Schülern planen, planen wir an unseren Lernenden vorbei. Ein rigider Lernweg hält Leistungsschwächere auf und schließt diejenigen aus, die auf anderen Wegen Problemlösungen erreichen können. UDL sieht diese Diversität als Ressource, nicht als Problem.
Nicht das Kind ist „behindert“, sondern die Lernumgebung behindert
Einer der wichtigsten Paradigmenwechsel des UDL ist die Veränderung der Art und Weise, wie wir Behinderung und Hindernisse verstehen. Klassischerweise suchen wir oft die Gründe für Lernprobleme in den Defiziten des Kindes. UDL kehrt diese gesellschaftliche Perspektive um: Die Barriere ist nicht im Individuum zu suchen, sondern in der Gestaltung des Stundenplans, der Lehrmethoden und -materialien.
UDL hat den Blick für „behindernde“ Lernumgebungen (dis-abled environment) geschärft. Eine Treppe ist für einen Rollstuhlfahrer in der Architektur eine Barriere – es wird nicht der „behinderte“ Mensch „geheilt“, sondern es wird eine Rampe gebaut. Von dieser Rampe profitieren auch Gesunde Menschen mit Rollkoffern, Fahrrädern, Einkaufstrollies und Kinderwagen.
Wenn wir Lernhürden abbauen, so ist dies für eingie Kinder essenziell, um überhaupt am Unterricht teilhaben zu können – für alle aber ist es funktional: die ganze Klasse profitiert von einer flexibilisierten Lernprozessgestaltung.
Im Klassenzimmer bedeutet das:
- Proaktive Barrierefreiheit: Flexible Optionen planen wir von Anfang an, anstatt sie auf Nachfrage zu entwickeln.
- Vermeidung von Retrofitting: Statt einer nachträglichen und häufig stigmatisierenden Anfertigung einer „Sonderlösung“ für einzelne diagnostizierte Kinder, erhalten alle im Standard hilfreiche Scaffolds und Werkzeuge. So ist kaum noch individueller Nachteilsausgleich nötig, weil das Design von vorneherein inklusiv ist.
UDL und der Lehrplan 21
Der Lehrplan 21 (LP21) verlangt eine hin zu Kompetenzen ausgerichtete Annäherung an Wissen, Können und Wollen. UDL wirkt hier als didaktischer Beschleuniger, denn es ist die neuronale Grundlage für diese multidimensionale Kompetenzentwicklung. Die drei Prinzipien des UDL korrespondieren mit den neuronalen Netzwerken unseres Gehirns:
- Das affektive Netzwerk (Warum“ / Wollen): Es kontrolliert Motivation und Engagement. UDL unterstützt das „Wollen“ nach dem LP21, indem es Relevanz herstellt und Selbstregulation unterstützt.
- Das Erkennungsnetzwerk („Was“ / Wissen): Es organisiert die Wahrnehmung von Informationen. Mittels mehrfacher Repräsentation (z.B. Zwei-Sinne-Prinzip) sorgen wir dafür, dass das „Wissen“ für alle zugänglicher wird.
- Das strategische Netzwerk („Wie“ / Können): Es kontrolliert die ausführenden Funktionen. Dank flexibler Aktions- und Ausdrucksformen können Schülerinnen und Schüler ihr „Können“ auf individuelle Weise präsentieren.
Dieses Rahmenwerk lässt sich hervorragend mit den modernen Raumkonzepten im Stil des Churer Modells realisieren. Die Aufhebung starrer Sitzordnungen zugunsten von Lernlandschaften mit Stillecken und Gruppentischen ermöglicht die physische Flexibilität, die UDL-Lernräume benötigen.
Mehr Wahlfreiheit mit CHoice-Boards
Ein konkretes Werkzeug, mit dem UDL in der Praxis angewandt werden kann, ist das LPS-Modell (Learn, Practice, Share) in Verbindung mit Choice Boards. Diese Struktur erlaubt es den Lernenden, ihren Weg zu lernen, innerhalb von klar umrissenen Zielen.
Entscheidungsfreiheit erhöht das Engagement enorm:
Wahlmöglichkeiten sind kein Endzweck. Wenn Lernende ein Maß an Autonomie wahrnehmen, sind sie eher geneigt, eine Aufgabe erfolgreich abzuschließen, da sie nicht dazu gezwungen wurden
| learn (Informationen verarbeiten, Wissen aneignen) | ||
| Text lesen | Audio anhören | Erklärvideo schauen |
| practice (üben und verteifen) | ||
| digitales Quiz lösen | Partner-Interview durchführen | klassisches Arbeitsblatt |
| share (Ergebnisse teilen / austauschen) | ||
| kurze Zusammenfassung schreiben | Sprachmemo aufzeichnen | Mindmap/Cluster oder Verlaufsgrafik zeichnen / Comic zeichnen |
Stigmarfreie Differenzierungsoptionen
Die aktuellen Deutschlehrmittel der Schweiz (Die Sprachstarken des Klettverlags, SPRACHWELT 1 und 2 des Schulverlags Plus und Deutsch des Zücher Lehrmittelverlags) bieten je eigene Wege der Differenzierung von Lernzielen (insbesondere für DaZ-Lernende) und verweisen auf Zusatzmaterialien (DaZ-Handreichung der Sprachstarken, SCHPRACHWELT plus, additive DaZ-Lehrmittel). UDL hat nicht nur die DaZ-Lernenden im Blick sondern geht davon aus, dass jedes Kind individuelle Lernbedürfnisse und Förderansprüche hat. Die neuen und überarbeiteten Deutschlehrmittel haben in den vergangenen Jahren begonnen, mit Tutorial-Videos, Audioinhalten und interaktiven Onine-Übungen das Arbeiten mit Arbeitsheften und Arbeitsblättern zu ergänzen. In einer Umgebung mit UDL wird die Nutzung von assistiven Technologien zum Normalfall für alle Teilnehmenden:
- Audiodateien für Hörstifte (BOOKII und tiptoi): Diese ermöglichen es Kindern selbstständig, auditiv auf Texte zuzugreifen, ohne dass sie von Lehrpersonen dauerhaft vorgelesen werden müssen.
- Interaktive LearningApps: Spielerisch wird das Textverständnis gesichert und es gibt sofortiges Feedback.
- Nutzung von KI-basierten Lernaktivitäten
- Immersive Reader, visuelles Wörterbuch, Text-to-Speech-Technologien auf Tablets und Laptops
- Bedienungshilfen auf mobilen Endgeräten (Textgrösse, Kontrast, Inputkanäle etc.)
- u. a. m.
Vorbereitende Kompetenzen: Für Kinder mit komplexen kognitiven Beeinträchtigungen planen wir vorbeugend Zielsetzungen, die den regulären Kompetenzstufen des LP21 vorgelagert sind, beispielsweise durch haptische Modelle oder Bildkommunikation.
Wenn diese Werkzeuge auf alle Kinder in der Klasse verteilt werden, dann ist das Stigma weg. Das Kind, das einen Text hört anstatt zu lesen, wird nicht mehr für „schwach“ gehalten – es verwendet einfach ein Werkzeug aus dem Standard-Werkzeugkasten in der Klasse.
UDL als Reflexionsrahmen und Haltung
Universal Design for Learning ist mehr als eine Methode sondern eine Haltung, die Diversität als Ressource sieht. UDL entlastet uns Lehrpersonen langfristig – wir müssen nicht mehr für jeden Einzelfall eine isolierte „Sonderlösung“ erfinden, sondern vielmehr stabile, flexible Lernumgebungen bauen, in denen Schüler·innen immer selbstverantwortlicher agieren können, in denen sie sich mehr und mehr autonom bewegen können.
Neue Technologien wie die Künstliche Intelligenz können diesen Prozess unterstützen, indem sie Repräsentationskanäle (z. B. Sprachliche Vereinfachung in Echtzeit (beispielsweise bei automatisierten Übersetzungen oder der Wortschatzvorentlastung) leichter skalierbar machen.
Die Grundfrage in der Unterrichtsplanung könnte lauten:
Errichte ich gerade eine steile Treppe, die nur die fittesten erklimmen können, oder bauen ich eine Rampe, auf der jedes Kind in seinem eigenen Tempo und mit seinen eigenen Werkzeugen ans Ziel kommt?
UDL-Ressourcen
- UDL-Webpräsenz (CAST) mit zahlreichen Tutorials und Übersichten
- UDL-Prinzipien auf Deutsch
- UDL-Strukturlegekarten von Thomas Müller (Version 2025)
Quellenverzeichnis
- 21 Things 4 Educators. (o. D.). Universal Design for Learning (UDL). https://21things4educators.net/20_Universal_Design_for_Learning_UDL/define.html
- Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons Freiburg. (2016). Lehrplan 21 für die Volksschule des Kantons Freiburg
- Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons Bern. (2022). Anwendung des Lehrplans 21 für Schülerinnen und Schüler mit komplexen Behinderungen in Sonder- und Regelschulen.
https://www.bvsa.bkd.be.ch/content/dam/bvsa_bkd/dokumente/de/themen/lehrplan-21-bvsa/lehrplan-anwendung-bvsa-d.pdf - Delere, M. (2025). „Bevor ich das Universal Design for Learning kennengelernt habe, konnte ich mir nur begrenzt vorstellen, meinen zukünftigen Unterricht inklusiv zu gestalten.“ Analyse reflexiver Memos von Lehramtsstudierenden. QfI – Qualifizierung für Inklusion, 7(1), 1–14. https://doi.org/10.21248/QfI.181
- Fisseler, Björn. (2022). Universal Design for Learning in der Lehrer*innenbildung. Ein Weg zu mehr digitaler Inklusion und Teilhabe? In: Betz, Joachim [Hrsg.]; Schluchter, Jan-René [Hrsg.]: Schulische Medienbildung und Digitalisierung im Kontext von Behinderung und Benachteiligung (318–333). Beltz Juventa.
- Gardiner, J. B. (2025) Universal Design for Learning (UDL) & EdTech in the 21st Century Classroom. [Konferenzbeitrag]. https://www.researchgate.net/publication/405186475_Universal_Design_for_Learning_UDL_EdTech_in_the_21st_Century_Classroom
- Lindauer, T. (2019). Kompetenzorientierung und Lehrplan 21! Bedeutung fürs Bildungssystem, für die Schule und den Sprachunterricht [Präsentationsfolien]. Zentrum Lesen. https://www.fhnw.ch/plattformen/zl/wp-content/uploads/2019/09/Referat_Lindauer.pdf
- Lindauer, T., & Schmellentin, C. (2022). Zum Verhältnis von Sprachreflexion und Grammatikunterricht im Lehrplan 21. Leseforum (1), 1–17.https://www.leseforum.ch/lffl/2022/1/748
- Martens, E., & Meier-Popa, O. (2022). Universal Design for Learning (UDL) auf der Sekundarstufe II: Grundlagen und Good Practice [Präsentationsfolien]. ZEM CES. https://www.zemces.ch/download/pictures/8f/qbchfyy6rlrofhtnyv3ubv98t2k5cn/20220406_udl_e.martens_o.meier_netzwerk_sek_ii.pdf
- Morin, A. (2026). Universal Design for Learning (UDL): What You Need to Know. Reading Rockets. https://www.readingrockets.org/topics/assistive-technology/articles/universal-design-learning-udl-what-you-need-know
- Pölert, H. (2024). Choice Boards im Unterricht. Unterrichten Digital.
https://unterrichten.digital/2024/03/17/choice-boards-lernpfade-unterricht/ - Schilther, M. (2023, November). Exemplarisches Unterrichtsvorhaben für das besondere Volksschulangebot im Bereich Deutsch. Fächernet Volksschule.
https://www.faechernet.bkd.be.ch/de/start/uebergeordnete-themen/bvsa/exemplarisches-unterrichtsvorhaben-fuer-das-besondere-volksschul.html
Smit, R. (2025) Final report Switzerland. Teacher-led learning circles on formative assessments (T3LFA) Project. https://www.researchgate.netpublication/397264004_Final_report_Switzerland_Teacher-led_learning_circles_on_formative_assessments_T3LFA_Project - Poesay, A. & Newcomer, B. (o. D.). Universal Design for Learning (UDL): A teacher’s guide.https://www.understood.org/en/articles/understanding-universal-design-for-learning