Deutschdidaktik Primarstufe

Kindlicher Erzählerwerb

Einleitung und Forschungsüberblick

Im Schweizer Lehrplan 21 kommt dem Bereich der Literacy im Sprachunterricht grosses Gewicht zu. Untergebracht sind Aspekte des Konzeptes einer umfassenden Fähigkeit zur Teilhabe an medienübergreifenden schriftkulturellen Techniken u. a. in den unterschiedlichen Kompetenzbereichen des Lehrplans Deutsch. Diese mit dem Literacy-Konzept in Verbindung stehenden Kompetenzen heben nicht nur auf Text- und Sinnverständnis und sprachliche Abstraktionsfähigkeit ab, sondern umfassen auch Lesefreude, die Vertrautheit mit Medien (nicht nur Büchern!) und Schriftsprache sowie die Erzählfreude und Erzählkompetenz (zum Literacy-Begriff vgl. Sander & Spanier 2008).

Die Spracherwerbsforschung hat sich in den vergangenen 50 Jahren zunehmend mit der Frage beschäftigt, wie sich erzählerische Kompetenzen bei Kindern entwickeln. Mittels Experimenten konnte der Nachweis erbracht werden, dass es charakteristische Stationen im kindlichen Erzählerwerb gibt, die nicht beliebig aufeinander folgen und es erlauben, den Entwicklungsstand eines Kindes hinsichtlich erzählerischer Kompetenzen einzuschätzen. Flader & Hurlemann haben in einer empirischen Studie die Entwicklung des Erzählens untersucht (1984) und nachgewiesen, welch vielfältigen Einflussfaktoren vermeintlich ,freies‘ Erzählen im schulischen Kontext unterliegt. Aber auch abgesehen von der Orientierung an schulspezifischen Kommunikations-Konventionen zeigten die teilnehmenden Proband·innen eine mehr oder weniger deutliche Ausprägung eines Erzählschemas, das bereits von Labov & Waletzky vorgestellt wurde (1973): Die produzierten Erzählungen wiesen eine ,Orientierung‘, eine ,Komplikation‘ (die den Höhepunkt der Erzählung bildet), eine ,Evaluation‘, schliesslich die ,Auflösung‘ und den Schluss (,Coda‘) auf. Dieses rudimentäre Erzählschema wird sowohl auf Produktions- wie auch auf Rezeptionsseite aktiviert und steuert somit die Narration wie auch deren Verstehensprozess.

Mit der Vorstellung einer sogennanten narrativen Grammatik, der story grammar, legten verschiedene Linguist·innen ähnlich ausformulierte Modelle vor, die im empirischen Material Fixpunkte identifizierten, die sich schliesslich theoretisch als Kompoenten einer idealen Erzählstrukur fassen liessen (vgl. Boueke & Schülein 1988). Anhand dieser verinnerlichten narrativen Grammatik ist es möglich, Erzählungen zu generieren und zu dechiffrieren, die man noch nie selber gehört hat (Schmidlin 2012).

Die Fähigkeit, narrative Strukturen zu erkennen und selber zu produzieren entwickelt sich schon im Vorschulalter. Kinder aktivieren sowohl bei der Erzählproduktion als auch bei der Rezeption Elemente aus drei unterschiedlichen Wissensbeständen: dem enyklopädischen Wissen, dem sprachlichen Wissen und dem Interaktionswissen (Heinemann & Viehweger 1991). Mit der sogenannten frog story (Mayer 1969) wurde empirisch nachgewiesen, dass die hierarchiehöheren Knoten der story grammar (Orientierung, Realisierung einzelner Episoden u. a. mit Komplikation, Schluss) bereits von 7-jährigen Kindern unabhängig von der Länge der Erzählsequenz verwirklicht wurden. Kindern wurde dazu eine 24-teilige Bildergeschichte vorgelegt, mit der Aufgabe, die sich ihnen präsentierende Geschichte ad hoc zu erzählen. Einen Korpus von deutschen Kindererzählungen zur frog story haben Michael Bamberg (Deutschland) 1994 und Regula Schmidlin (Schweiz/Deutschland) 1999 erstellt und ausgewertet und mit ihren Befunden die oben genannten Erkenntnisse der linguistischen Erzählerwerbsforschung für Teile des deutschen Sprachraums bestätigt.

Mini-Experiment und Videomaterial für Studierende

Für die Ausbildung von Lehrpersonen in der Schweiz fehlt nach wie vor authentisches Videomaterial von Kindern aus dem Schweizer Schulsystem, das die Entwicklung narrativer Kompetenzen beobachtbar und analysierbar macht.

Um diese Lücke experimentell zu schliessen und um im Rahmen meiner eigenen Lehre Studierenden zu ermöglichen, eigene Beobachtungen an müdlich-narrativen Texten von Kindern von 7 bis 11 Jahren tätigen zu können, habe ich mit vier Kindern unterschiedlicher Altersstufen im Rahmen einer kleinen Versuchsanlage Videoaufnahmen angefertigt.

Auf Basis der zu erwerbenden Kompetenzen im Zyklus 1 und 2 des Schweizer Lehrplans 21 liess ich die Kinder anhand des Kinderbuches ,Opas Insel‘ (2015) des Autor-Illustrators Benji Davis eine Nacherzählung generieren, welche Studierenden im Rahmen einer Flipped Classroom Seminarsitzung für eigene Analysen zur Verfügung steht.

Versuchs-Setting

Vier Kindern im Alter von 7, 9, 10 und 11 Jahren wurde einzeln das Bilderbuch ,Opas Insel‘ vorgelesen. Der Vorlesetext orientierte sich eng am Buchtext, einzig zwei Begriffe wurden dem Schweizer Standardsprachgebrauch angepasst („Hütte“ anstatt „Schuppen“,„Couvert“ anstatt „Briefumschlag“). Die Textstellen wurden vom Vorleser auswendig reproduziert, so dass sie während des Erzählens im Buch für die Kinder abgeklebt werden konnten. Die Proband·innen sahen folglich nur die Bilder und hörten dem auswendig vorgetragenen Vorlesetext zu.

Anschliessend wurden die Proband·innen einzeln einer erwachsenen Person gegenübergesetzt mit dem Auftrag, dieser die Geschichte zu erzählen. Die Kinder gingen davon aus, dass die zuhörende erwachsene Person die Geschichte zum ersten Mal hört. Die Proband·innen wussten, dass sie die Geschichte in ihrem Tempo erzählen und sich dabei frei im Buch, das Ihnen mit den abgeklebten Textstellen ausgehändigt wurde, bewegen durften.

Die Videos können über die akademische Video-Sharing-Plattform SWITCHtube von Personen, die im Schweizer Hochschulbetrieb tätig sind, angesehen und genutzt werden (Verlinkung im nächsten Abschnitt). Beachten Sie, dass Sie dazu ein Login über eine Schweizer Fachhochschule oder Universität benötigen.

Exposition Bilderbuch

Im hier verlinkten Videobeitrag wird das Bilderbuch ,Opas Insel‘ vorgelesen.

Video-Experiment, Beobachtungsaufträge, Befunde

Mit dem hier verlinkten Videobeitrag steht Ihnen das gesamte Experiment für die Flipped Classroom-Lernumgebung zur Verfügung.

Die Nutzung des Videos unterliegt der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 CH.

Didaktische Hinweise und Befunde

Das Videomaterial ist für ein Flipped Classroom-Setting entwickelt worden. Studierende erhalten den Auftrag, sich im Rahmen einer Kurssitzung von 90 Minuten autodidaktisch mit dem Material auseinanderzusetzen. Im Video werden immer wieder kleine Arbeitsaufträge eingeblendet. Diese mobilisieren vor allem die Operatoren ,beobachten‘, ,analysieren‘ und ,kommentieren‘. Idealerweise werden Studierende mit diesem Kursinhalt konfrontiert, noch bevor sie sich mit der Forschungsliteratur zum kindlichen Erzählerwerb auseinandergesetzt haben. In der Folgesitzung werden die Hypothesen und Befunde der Studierenden in der Lerngruppe diskutiert und zu interaktiven Gruppenlektüren einschlägiger Forschung in Bezug gesetzt.

Ich empfehle, dass Sie für Ihre Studierende selber Arbeitsaufträge – passend zur curricularen Einbettung dieses Videomaterials – formulieren und dieses auf der von Ihnen genutzten Lernplattform (z. B. Moodle) deponieren.

Im Mini-Experiment zeigt sich, dass Kinder selbst in einer stark vorstrukturierten Nacherzähl-Situation, wie Sie im Lehrplan 21 z. B. in der Kompetenzstufe D.3.B.1d vorgesehen ist, altersabhängige Entwicklungsschritte im Erwerb narrativer Kompetenzen zeigen.

Proband·inBefunde
7 jährigkurzer, lakonischer Erzählstil ohne Hypotaxen; Deixis unklar (Überrepräsentation bestimmter Artikel bei fehlender Exposition des Subjekts); „und-dann-Erzählweise“; geringe Varianz an Konnektoren; unverständliche Passagen; wenig kreative Eigenleistung; erste Markierung von narrativ exponierten Erzählpassagen (Peripetie-Moment und Schluss); Leerstellen zwischen page-turns nicht gefüllt; strenge Orientierung am Bildimpuls; kaum Orientierung am Adressaten (fehlende Antizipation des Zuhörerwissens); Uneinheitlichkeit in der Verwendung der Zeitformen
9 jähriglängerer aber immer noch knapper Erzählstil; stockender Erzählfluss; starke Orientierung am Bildimpuls; höhere Varianz der Personalpronomina mit mehrheitlich klarer Deixis; hypotaktische Satzstrukturen; „und-x-Erzählstil“; grösserer Wortschatz führt zu weniger Redundanz
10 jährigimmer noch redundante Konnektoren (Überrepräsentation von „plötzlich“); prominenter Einsatz direkter Rede; stärkere Ausnutzung der eigenkünstlerischen Lizenz; stärkere Affektmarkierungen; klarere Deixis; längere Erzählpassagen; dramaturgisch-motivierte Stimm-Modulation
11 jährigdeutlicher Erzählfluss (selten unterbrochen); Varianz von Satzlängen; hypotaktischer Satzbau; längere dialogisch gestaltete Erzählsequenzen; hohe Varianz an Konnektoren; stärkeres Auserzählen des Bildprogrammes; Ausnutzung eigenkünstlerischer Lizenz durch setzen eigener Erzähl-Akzente; Affektmarkierungen nur minimal (infolge stärkerer Erinnerungsleistung an den Originaltext?); Überbrückung der page-turns durch Zwischenerzählungen

Bibliographie

  • Bamberg, M. (1994). Development of linguistic forms: German. In Berman, R. & Slobin, D. (Hrsg.), Relating events in narrative: A crosslinguistic developmental study. Hilllsdale, NJ: Erlbaum.
  • Boeke, D. & Schülein, F. (1988). „Story Grammars“. Zur Diskussion um ein erzählstrukturelles Konzept und seine Konsequenzen für die Erzähldidaktik. In Wirkendes Wort (38) 1, 125–142.
  • Davies, B. (2016). Opas Insel. Übersetzt von Johanna Hohnhold. Hamburg: Aladin.
  • Flader, D. & Hurlemann, B. (1984). Erzählen im Klassenzimmer. Eine empirische Studie zum ,freien‘ Erzählen im Unterricht. In Ehrlich, K. (Hg.), Erzählen in der Schule. Tübingen: Narr. 223–249.
  • Heinemann, W. & Viehweger, D. (1991). Textklinguistik. Eine Einführung (Germanistische Linguistik 115). Tübingen: Max Niemeyer.
  • Labov, W. & Waletzky, J. (1973). Erzählanalyse. Mündliche Versionen persönlicher Erfahrung. In Ihwe, J. (Hg.), Literaturwissenschaft und Linguistik. Band 2: Literaturtheorie als Texttheorie. Frankfurt a. M.: Athenäum Fischer , 78–126.
  • Mayer, M. (1969). Frog, where are you? New York: Pied Piper.
  • Sander, R. & Spanier, R. (2008). Sprachentwicklung und Sprachförderung. Grundlagen für die pädagogische Praxis (Kindergarten heute: Spezial, Heft 98).
    7. Auflage. Freiburg: Herder.
  • Schmidlin, R. (1999). Wie Deutschschweizer Kinder schreiben und erzählen lernen. Textstruktur und Lexik von Kindertexten aus der Deutschschweiz und aus Deutschland. Tübingen/Basel: Francke.
  • Schmidlin, R. (2012). Zum Erzählerwerb aus linguistischer Sicht: Narrative Strukturen in Monolog und Interaktion. Germanistik in der Schweiz 9, 1–14.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: