Deutschdidaktik Primarstufe

Wortschatztraining mittels KI-generierter Kinderlieder

Dieser Beitrag zeigt, wie Lehrpersonen mit wenig Zeitaufwand mittels Künstlicher Intelligenzen Wortschatzaufbau mit dem Musikunterricht verbinden können. Ausgehend von den Anforderungen einer spezifischen Lernumgebung im Fach Deutsch werden die dafür erforderlichen Redemittel und Chunks für besseres Lernen in ein Kinderlied verpackt.

Musik und Mnemotechnik

Musik wird seit der Antike als effektives Hilfsmittel zum Lernen und Erinnern von Informationen genutzt. Schon in mündlichen Kulturen vor Erfindung der Schrift wurden Epen, Geschichten oder religiöse Texte oft in Liedform weitergegeben, um ihre Überlieferung über Generationen zu erleichtern. Im Mittelalter nutzten Geistliche gregorianische Gesänge, um lateinische Texte und religiöse Lehren zu memorieren und zu vermitteln. Martin Luther hat während der Reformation zentrale Inhalte seiner Reformtheologie über seine Kirchenlieder bleibend im Gedächtnis des oft ungebildeten Volkes verankert. In der Moderne hat sich die Nutzung von Musik als Lernhilfe weiterentwickelt:

  1. Beim Sprachenlernen werden Lieder eingesetzt, um Vokabeln und Grammatik zu vermitteln. Die Kombination von Rhythmus, Melodie und Text erleichtert das Einprägen neuer Wörter, Chunks und Phrasen.
  2. Im schulischen Kontext nutzen Lehrpersonen gelegentlich selbst komponierte Lieder oder bekannte Melodien mit angepasstem Text, um komplexe Konzepte in verschiedenen Fächern zu vermitteln.
  3. Mnemotechnische Reime mit musikalischem Charakter (Rhytmus, Metrik, teilweise auch Melodie) helfen beim Merken von Regeln oder Fakten. Entsprechende Merkhilfen kommen in fast allen Fächern und Fächerverbünden zum Einsatz und finden sich z. T. schon in den Lehrmitteln.
  4. Bildungssendungen für Kinder, wie die ‚Sesamstraße‘, ‚Die Sendung mit der Maus‘ oder Sendungen für Kleinkinder (z. B. ‚Teletubbies‘), nutzen Musik intensiv, um Lernkonzepte zu vermitteln und das Gedächtnis zu unterstützen.

Die Wirksamkeit von Musik als mnemotechnisches Medium wird durch neurowissenschaftliche Forschungen unterstützt. Studien zeigen, dass Musik multiple Gehirnareale aktiviert und die Bildung neuronaler Verbindungen fördert. Dies kann zu einer verbesserten Gedächtnisleistung und einem leichteren Abruf von Informationen führen (vgl. Ferreri & Verga 2016). Somit hat Musik als mnemotechnisches Medium eine lange Tradition und spielt in der zeitgemässen Pädagogik und im selbstgesteuerten Lernen immer noch eine Rolle (vgl. Wallace 1994). Ihre Fähigkeit, Emotionen zu wecken, Aufmerksamkeit zu fokussieren und multiple Sinne anzusprechen, macht Musik zu einem wertvollen Werkzeug für effektives Lernen und langfristiges Erinnern (vgl. Stegmann 2007). Im Erlernen von Fremdsprachen nutzt die Didaktik Musik als mnemotechnische Stütze schon seit vielen Jahrzehnten (vgl. Ludke et al. 2014).

Textsorte Wegbeschreibung

Im Lehrmittel SPRACHWELT 2 erarbeiten die Kinder im Kompetenzbereich ‚Lesen und Schreiben‘ unter anderem die Textsorte der Anleitung. Die Gehaltvolle Aufgabe 1 beginnt damit, Kindern unterschiedlich ausgebaute Wegbeschreibungen vorzustellen und sie schliesslich eine eigene Wegbeschreibung schreiben zu lassen. Die Lernenden verstecken dabei einen Schatz und schreiben für ihre Mitschüler·innen auf, wie diese zum Versteck gelangen. (Vgl. SPRACHWELT 2 filRouge digital ➜ Lesen & Schreiben ➜ Lernwelt: Anleitungen ➜ GA1 ‚Wir gehen auf Schatzsuche‘).

Wortschatzvorentlastung, Redemittel

Um die Aufgabe bewältigen zu können, braucht es nebst den Textsortenkenntnissen auch den spezifischen Wortschatz in der Schulsprache (hier: Deutsch) sowie die mehr oder weniger festen Redemittel und Chunks, die typischerweise in einer Wegbeschreibung zur Anwendung kommen.

Das Lehrmittel hat letztere in einem Übersichtsblatt bereits zusammengestellt:

K1.1 Formulierungshilfen Wegbeschreibung © 2022 Schulverlag Plus, Bern

Diese Checkliste kann den Schüler·innen, insbesondere den DaZ-Lernenden, beim Schreiben der Anleitung zur Verfügung gestellt werden. Dennoch ist es sinnvoll, den Wortschatz und die Redemittel zu verinnerlichen. Dies geschieht einerseits, falls vorgesehen, im gesonderten DaZ-Unterricht, andererseits im Regelunterricht durch mehrfaches und häufig wiederholtes Üben mündlich und schriftlich. Häufig reichen die zur Verfügung stehenden Deutschstunden nicht aus, um Wortschatz und Redemittel stabil im Gedächtnis der DaZ-Lernenden zu verankern. Fächerübergreifende Integration des Komeptenzaufbaus ist ensprechend sinnvoll.

Mit Künstlicher Intelligenz lässt sich einfach ein Kinderlied generieren, das einen Teil (oder alle) der oben dargestellten Lokaladverbien, Lokalpräpositionen, Präpositionaladverbien und Präpositionalphrasen plus ausgewählte Verben aufgreift:

Generieren des Kinderliedes zur Schatzsuche

Mit der KI-gesteuerten Plattform Suno können Lieder in einem beliebigen musikalischen Genre generiert werden. Dabei kann die KI selbständig Songtexte generieren, sich an bestimmte Vorgaben halten oder vorgegebene Liedtexte vertonen und von artifiziellen Stimmen einsingen lassen.

Ich wollte zu Demonstrationszwecken nur eine Auswahl des oben genannten Wortmaterials aus der Formulierungshilfe in das Kinderlied integrieren und formulierte folgenden Prompt:

A German song for kids about a treasure hunt, using the following vocabulary: „du gehst“, „du suchst“, „hinter“, „vor“, „über“, „unter“, „neben“, „links“, „rechts“, „geradeaus“ with a lot of repetition.

Die KI hat innerhalb weniger Minuten zwei musikalische Varianten zu einem KI-generierten Liedtext nach meinen Vorgaben ausgespielt, die noch beliebig angepasst werden könnten:

Song 1:

Song 2:

Schatzsuche

(Verse 1)

Du gehst links, du gehst rechts
Suchst den Schatz jetzt und hier
Hinter Bäumen, vor dem Haus
Über Hügeln, unter dir

[Chorus]

Du suchst hier, du suchst da
Überall, geradeaus
Neben Steinen, hinter Gras
Der Schatz ist bald im Haus

[Verse 2]

Du gehst links, du gehst rechts
Hinter Büchern suchst du gern
Vor dem Tisch ist nichts versteckt
Unter Stühlen find ihn fern

[Chorus]

Du suchst hier, du suchst da
Überall, geradeaus
Neben Steinen, hinter Gras
Der Schatz ist bald im Haus

[Bridge]

Neben dir, vor deiner Tür
Über Bäume, unter Meer
Links und rechts, geradeaus
Such den Schatz und lass es raus

[Chorus]

Du suchst hier, du suchst da
Überall, gerade-geradeaus
Neben Steinen, hinter Gras (hinter Gras)
Der Schatz ist bald im Haus

Erstellen der Playback-Version

Auf der Plattform Suno ist es nicht möglich, in einem zweiten Bearbeitungsschritt das generierte Lied nur als Instrumentalvariante auszugeben. Die Software kann zwar rein instrumentale Arrangements erstellen oder aus Audiodateien einen Song generieren, bietet aber momentan keine Option eine einmal integrierte Singstimme wieder zu entfernen. Andere Softwarelösungen schaffen es aber innerhalb Sekunden, die Vokalspur aus jedem beliebigen Musikstück zu entfernen, selbst dann, wenn es sich nicht um genuin-menschliche Singstimmen handelt.

Ich habe also die Liedvariante 1 (siehe oben) in die KI Vocalremover eingespiesen und die beiden Spuren a) Singstimme(n) und b) Instrumentalarrangement voneinander isoliert. Man könnte mit der Software auch noch einzelne Instrumentalspuren voneinander trennen, die Tonart des Stücks ändern, respektive die Tonhöhe des Playbacks anpassen u. v. a. m.

Die Instrumentalvariante kann nun im Klassenverband benutzt werden, um mit den Kindern zum Beispiel morgens beim Tagesbeginn oder im Musikunterricht das generierte Lied einzuüben und beliebig oft zu wiederholen:

Die Lehrperson kann mit den Kindern ko-konstruktiv im Sinne einer Mini-Choreographie Gesten und Bewegungsmuster wählen, die beim Singen einzelner Begriffe oder Zeilen von allen gezeigt werden. Dies verdeutlicht gerade für die Kinder mit einer anderen Erstsprache die deutsche Bedeutung des gesungenen Textes. So könnte beispielsweise beim Singen von „überall“ eine kreisrunde Bewegung mit beiden Händen angedeutet werden, während bei „geradeaus“ beide Arme nach vorne zeigen, usw.

Der Lerneffekt steigert sich natürlich, wenn das Playback im Musikunterricht benutzt wird, um den Songtext zu verändern und z. B. in Teams aus jeweils zwei DaZ-Lernenden und zwei Kindern mit Erstsprache Deutsch einen neuen Text schreiben zu lassen, der einerseits von der Metrik her zum musikalischen Arrangement passt und andererseits weitere oder andere Begriffe und Redemittel aus der Aufgabenstellung der Wegbeschreibung im Kontext einer Schatzsuche bemüht.

Quellen

Calvert, S. L., & Tart, M. (1993). Song versus verbal forms for very-long-term, long-term, and short-term verbatim recall. Journal of Applied Developmental Psychology, 14, 245–260.

Dowling, W. J., Tillmann, B., & Ayers, D. F. (2002). Memory and the experience of hearing music. Music Perception, 19, 249–276.

Felix, U. (1989). An investigation of the effects of music, relaxation and suggestion in second language acquisition in schools. Unpublished doctoral dissertation, Flinders University, Adelaide, Australia.

Ferreri, L., & Verga, L. (2016). Benefits of music on verbal learning and memory: How and when does it work? Music Perception, 34 (2), 167–182.

Gfeller, K. (1983). Musical mnemonics as an aid to retention with normal and learning disabled students. Journal of Music Therapy, 20, 179–189.

Gilleece, L. F. (2006). An empirical investigation of the association between musical aptitude and foreign language aptitude. Doctoral dissertation, University of Dublin, Trinity College, Ireland.

Ludke, K. M., Ferreira, F., & Overy, K. (2014). Singing can facilitate foreign language learning. Memory & Cognition, 42 (1), 41–52.

Medina, S. L. (1993). The effect of music on second language vocabulary acquisition. National Network for Early Language Learning, 6, 1–26.

Morrongiello, B. A., & Roes, C. L. (1990). Children’s memory for new songs: Integration or independent storage of words and tunes? Journal of Experimental Child Psychology, 50, 25–38.

Posedel, J., Emery, L., Souza, B., & Fountain, C. (2012). Pitch perception, working memory, and second-language phonological production. Psychology of Music, 40, 508–517.

Schön, D., Boyer, M., Moreno, S., Besson, M., Peretz, I., & Kolinsky, R. (2008). Songs as an aid for language acquisition. Cognition, 106, 975–983.

Sposet, B. A. (2008). The role of music in second language acquisition: A bibliographical review of seventy years of research, 1937–2007. Lewiston: Edwin Mellen Press.

Stegemann, T. (2007). Lieder in der Musiktherapie mit Kindern. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 56 (1), 40–58.

Schulverlag Plus (2022). SPRACHWELT 2, filRouge digital.

Wallace, W. T. (1994). Memory for music: Effect of melody on recall of text. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 20 (6), 1471–1485.

Yalch, R. F. (1991). Memory in a jingle jungle: Music as a mnemonic device in communicating advertising slogans. Journal of Applied Psychology, 76, 268–275.

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